Archiv für den Monat August 2011

Grüße aus der Wüste

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Gestern gab es kein update, da in der kleinen Oase Pica leider das Internet ausgefallen war. Und jetzt weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.

Gestern war der Tag der Virgen Santa Rosa del Valle de Quisma (die heilige Jungfrau Rosa aus dem Quisma-Tal). Um 6:30 habe ich mich das erste mal gewundert, warum die Kirche so läutet, als wäre der Auszubildene der Feuerwehr zur Glocke gerannt und hätte gezeigt was er kann. Das zweite mal um 7:00. Unmittelbar danach hat die Musik angefangen: wahrscheinlich war es ein Marsch, traurig, aber zuversichtlich. Ich bin aufgestanden und vor die Tür gegangen. Vor der Kirche standen Musiker mit: einer Snaredrum, einer Trommel, einem Becken, einer Klarinette, zwei Trompeten und zwei Tubas und haben gespielt. Irgendwann sind sie in die Kirche gegangen und haben sich im Halbkreis um die überlebensgroße Holzstatue der Jungfrau aufgestellt. Die Musik war echt gut, nach und nach sind immer mehr Leute eingetrudelt. Um 7:30 gabs dann Frühstück mit Pbl und um 8:30 sind wir immernoch zu traurig-zuversichtlichen Märschen ins Gelände gefahren.

Es ging wieder in die Wüste, aber diesmal in die, wie mensch sie aus den Disney-Filmen kennt: sandig und flach. Unser Geländewagen kam an seine Grenzen. (Ich schwärme normalerweise nicht für Autos, aber dieser Toyata Hilux hat nicht nur Ralley-Qualitäten, wie im zweiten Gang an der Steigung aus einer Haarnadelkurve auf 50 km/h zu beschleunigen, nein das 5-Gang Getriebe hat drei Modi: Zweiradantrieb mit hoher Übersetzung sowie Vierradantrieb mit hoher und geringer Übersetzung. Die Lenkung ist super weich, so dass man das Lenkrad guten Gewissens ganz rum reißen kann.) So toll dieser Wagen auch ist, im Sand haben die Räder einfach zu wenig Reibung. Die meiste Arbeit wird darauf verbraucht eine riesige Staubwolke zu produzieren, der Rest geht nach vorne.

Am Nachmittag haben wir ein erstes Loch für die neue Station gegraben (teilw. gemeißelt), das wir leider doch nicht benutzen konnten, weil der Ort den wir uns ausgesucht hatten zu unzugänglich war. Wir hatten tatsächlich Angst im Sand stecken zu bleiben, was ernst geworden wäre. (eidt an die Eltern: Wir haben ein Zelt, 10l Wasser, Essen und ein Satellitentelefon dabei, die nächte Straße ist nicht weiter als 20km entfernt.) Die Geier haben jedenfalls schon gewartet. Als wir abends zurück gekommen sind, hat die Banda immer noch traurig-zuversichtliche Märsche gespielt. Vor der Kirche war der Wagen aufgebaut, mit der die Jungfrau in der Nacht wohl noch durch den Ort gefahren wurde.

Heute haben wir dann ein neues Loch gegraben, ganz in der Nähe vom alten, aber von einer anderen Seite ran gefahren. Wir haben lange nach einem Ort gesucht, Pbl hat sogar sein Laptop rausgeholt und ein GMT-Skript mit möglichen Koordinaten laufen lassen. Dann hatten wir einen Ort gefunden: Nicht sichtbar von irgendeiner Staße, weit weg von Flora, Fauna, Zivilisation, nach Norden frei, so dass das Solarpanel genug Sonne kriegt, trotzdem innerhalb einer halben Stunde vom nächsten Fahrweg aus erreichbar. Wieder ein Loch für das Seismometer gegraben, dann noch zwei für den Datenlogger und für die Batterie, alles eingebaut, Solarpananel auf ein Holzgerüst gebaut und mit Steinen beschwert, den Laptop angeschlossen. Unter Windoze das Monitor-Programm gestartet: Alles Okay. Rebootet um unter Linux die recorder.ini aus zu lesen. Dazu mussten wir uns in den Datenlogger einloggen. Dass das Folgende in der Wüste, mit einem Solarbetriebenen Rechner (der Datenlogger, „EDL“) passieren würde, hätte ich nicht gedacht. Im Büro, okay, aber hier, in der brennenden Sonne, eingwickelt in Tücher?

– Pbl, wie ist die IP von der EDL?
– 139.17.186.201
wsj@lenovo:> ping 139.17.186.201
ping: 139.17.186.201 (139.17.186.201) 56(84) bytes of data.
64 bytes from 139.17.186.201: icmp_req=1 ttl=64 time=3.46 ms
64 bytes from 139.17.186.201: icmp_req=2 ttl=64 time=0.539 ms
^C
wsj@lenovo:> ssh 139.17.186.201
ssh: connect to host 139.17.186.201 port 22: Connection refused

– Er lässt mich über ssh nicht rein
Versuchs mal mit minus eins
wsj@lenovo:/media> ssh -1 139.17.186.201
ssh: connect to host 139.17.186.201 port 22: Connection refused

– Lass mich mal, ich versuchs über ftp.
Pbl sitzt 10 Minuten unter meiner Jacke vor dem Rechner, der Wind pfeift, die Sonne brennt, der Staub prasselt:
– Okay ich bin drin. Aber auf der EDL ist kein vi installiert, ich kann die recorder.ini nicht lesen. Naja, wird schon alles okay sein.

Soso, war’s leider nicht, hat aber nichts mit der recorder.ini zu tun. Die Station hat kein GPS-Empfang und taugt damit so nicht um Erdbeben aufzuzeichnen (die interne Uhr wird über das GPS immer wieder auf die exakte Zeit eingestellt). Die Mail zu den Experten zuhause ist abgeschickt, hoffentlich kriegen wir das noch behoben.

Grüße,
Wsj

P.S.: Endlich mal wieder Avocado gekauft, da aus der Region

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.. and beyond

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Pica and beyond

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Nun, die Sache ist gut ausgegangen. Die von der Autovermietung konnten uns mal, denn Pbl hat doch den Pickup von der Uni gekriegt. Top gewartet vom Automechaniker vom geologischen Institut, der uns mit dem Wagen abgeholt, Luft nachgefüllt, kaputte Lampen ausgewechselt, zweites Ersatzrat rangebaut und einen Benzinkanister rausgesucht hat. Top. So konnten wir also am Freitag nach Pica fahren, immer der Sonne entgegen, nach Norden. Ich hab zwar fast die ganze Zeit geschlafen, aber die Stunde die ich wach war, habe ich im wesentlichen LKW mit Chemikalien gesehen: Calciumoxid, Schwefelsäure, Ammoniumnitrat (Sprengstoff), Benzin. Dazwischen immer wieder mal rote Pickups von irgendwelchen Mieneningenieuren, die lustigerweise alle ein Blinklicht an einem fünf Meter langen Stab dabei haben, damit sie von diesen Monster-LKW im Tagebau nich übersehen werden.

Pica ist wirklich eine kleine Oase. Nach einem ganzen Tag in der Wüste tut einem das Grün schon fast in den Augen weh. Wir wohnen in einem kleinen Hotel, zwischen gefühlt 100 Mitarbeitern von einer Frima die Membratec heißt und wahrscheinlich irgendwas für die Mienen anbietet. Naja, heute sind wir früh um 8:00 los gefahren, haben sechs Stationen abgeklappert (d.h. per GPS gesucht, gefunden, Deckel auf, Spannung an der Batterie und am Solarpanel messen, alte Festplatte raus, neue Festplatte rein, Deckel zu, Schild erneuert: Nicht Anfassen! Instrument zum Aufzeichnen von Erdbeben). Pbl war hinter dem Steuer komplett in Tücher eingewickelt.
– Ist das gegen den Staub?
– Nein, gegen die Sonne.
– Aber wir sind dich hinter Glas und in der Theorie kriegt man da keinen Sonnenbrand.
– Ja, in der Theorie nicht, aber in der Realität ist die Strahlung ziemlich stark und verbrennt einen doch.
Ich hab mich immer mal wieder im Gesicht eingeschmiert und es geht letztendlich. Meine Haut spannt schon und ist auch ein Bisschen rot, aber der totale Sonnenbrand ist ausgeblieben. „Zum Glück“ war es so scheiße kalt draußen, dass man um Jacke, Mütze und Kaputze eh nicht drum rum gekommen ist. Irgendwo an der zweiten Station gab es dann noch ein Aha-Erlebnis: Ich hatte leichte Kopfschmerzen, war müde und hab mich beim aufmachen vom Deckel der Station irgendwie total blöd angestellt. Als ich dann zehn Meter einer Plastikfolie hintergerannt bin und total außer Atem war hab ich Pbl einfach mal aus Spaß nach der Höhe gefragt: 4700 Meter (!). Pah, einfach so, nach vier Stunden Auto fahren.
– Errinnerst du dich an ***, mit dem wir vorgestern gesprochen haben? Der ist ohnmächtig geworden, als er die Station hier aufgebaut hat.

Naja, zwischendurch gab es aber wirklich immer mal wieder wirklich ganz abgefahrene Natur zu sehen. Die Fotos sind leider alles, was ich sharen kann. Die meisten sind eh nichts geworden, weil der  Autofokus immer nur den Dreck auf der Scheibe autofokussiert.

Morgen gibt es nochmal das gleiche wie heute (Stationen aus dem Tarapacá-Netz), dann geht es mehr Richtung Küste. Zum Abschluss noch was surreales, vom Rückweg, kurz vor Pica:

Grüße,
Wsj

Versetzt

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Wir waren pünktlich. Seit 8:30 haben wir vor der Autovermietung gewartet, das Auto war seit drei Wochen gebucht, wir hatten sogar gestern noch angerufen und gefragt, ob es heute bereit stünde. Um 10:00 kam eine junge Frau: „Ihr wollt ein Auto mieten? Nein, die Kollegin hat mir nichts gesagt und im Computer ist auch nichts. Morgen wird ein Pickup zurück gebracht, den könnt ihr haben, ab 10:30.“

Na dann…

Streik, Streik, Streik!

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Es wird hier gerade viel gestreikt. Am längsten und meisten streikt unsereins, die Studenten. Aber auch andere Gruppen sind aktiv. Heute morgen lief in meiner Unterkunft beim Frühstück der Fernseher, ein Bericht aus Santiago, in der Nacht haben Barikaden gebrannt und schon von heute morgen gab es Bilder, wie Polizisten Studis mit Tränengas von irgendwo vertreiben. Live wurde von der Blockade einer großen Kreuzung in Santiago berichtet. Auf der rechten Hälfte des Bildes die besetzte Kreuzung von einer Kamera weit oben in einem Gebäude gefilmt, auf der linken Hälfte der Regierungssprecher: „Ja, wir haben die Lage im Griff. Wir haben aber durchaus kein Verständnis für die Methoden der Studierenden. Es ist in Ordnung friedlich seinen Protest zu äußern, aber den öffentlichen Straßenverkehr zu behindern geht eindeutig zu weit. Andere Leute wollen schließlich pünktlich zur Arbeit kommen.“

Nun, was ich erfahren habe ist: die Studenten streiken nicht seit gestern, sondern seit drei Monaten. Seit drei Monaten geht auf keiner öffentlichen Uni in Chile ein Student, Mitarbeiter oder Professor zur Uni. Es geht darum, dass selbst die öffentlichen Hochschulen ca. 3.000 Euro Studiengebühren im Jahr kosten, was sich viele nicht leisten können. Abgesehen davon ist das Niveau ebendort viel zu gering, um mit den privaten Hochschulen (die nochmal um ein vielfaches teurer sind) mithalten zu können. Die Studenten (und mit ihnen anscheinend ungefähr alle, die was mit Uni zu tun haben) kämpfen darum, dass aus einer wirtschaftlichen Elite (die, die sich Privatschulen leisten können) nicht auch eine Bildungselite wird, die den Rest der Bevölkerung erbarmungslos abhängt.

Pbl hat mich dann nach dem Frühstück abgeholt, wir mussten auf den Campus unser Equipment zusammensuchen. Auf dem Weg zur Uni noch rauchende Barikaden und umherstehende Polizisten, die den Verkehr vom Campus weg leiten. Vor dem Eingangstor dann ein Streikposten. Eine Hand voll Studenten und ein Professor. Ob ich ein Foto machen könnte? „Ja, mach ein Foto, lad es bei Facebook hoch und erzähl allen deinen Freunden davon.“

Pbl redet unterdessen mit einer Studentin mit Brille und verrußtem Gesicht: „Hallo, wir würden gerne auf den Campus, wir fahren morgen ins Gelände und müssen etwas vorbereiten.“
„Ja, ich weiß nicht, ob ich euch rauf lassen kann, ich bin Psychologin, was müsst ihr machen? Es geht um Forschung, ja?“
„Ja, wir sind Geologen und müssen morgen wirklich los.“
„Okay, geht mal, ich ruf den Sprecher von den Geologen an, mal gucken was der sagt.“

Wir hoch zum Lager und alles zusammengesucht was wir brauchen: Solarpanele, Festplatten, Ersatzkomponenten für die Stationen, Werkzeuge, Benzinkanister… Alles schon in Kisten vorsortiert. Der Zemet ist wohl feucht geworden und ausgehärtet. Dann gehen wir noch in ein Labor um eine Autobatterie aufzuladen und wieder runter zum Haupteingang.

Der Steikposten, jetzt auf der innenseite vom Tor, schaut hinter einer großen orangenen Plane raus auf die Straße. Wir kommen näher, es scheint nichts los zu sein, ein zierliches Mädchen zieht sich die Skimaske vom Kopf. Die Studentin mit der Brille und dem  verrußten Gesicht sagt: „Okay, der Sprecher von den Geologen sagt, ihr könnt morgen auch mit dem Auto rauf und euer Equipment holen. Ich werde eine Notiz für die von morgen da lassen, damit sie euch rein lassen. Aber kommt noch vor neun, danach fängt die Demo an und dann ist vielleicht keiner mehr da und das Tor zu.“ – „Okay, danke, euch noch viel Glück.“

Morgen ist übrigens „paro civico“, d.h. es werden (neben vielen anderen) auch die Zollbeamten steiken, die eigentlich die Papiere für unsere Gerätschaften abstempeln sollen, wenn wir vom II. in den I. Distrikt fahren. Mal sehen…

Viele Grüße,
Wsj

Berlin – Antofagasta

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Abflug in Madrid, 00:30

Sonnenaufgang irgendwo über Brasilien

Zwei Stunden später kommen die Anden

Und falls es jemand nicht gewusst haben sollte: Der Weltjugendtag mit Benedikt XVI. hat justamente in Madrid aufgehört. Ich sag nur „Mit Fanta und mit Butterkeks, ja wir sind junge Christen unterwegs“, hier voll in Aktion bei der Landung in Santiago:

http://vimeo.com/28076039

Abgeholt wurde ich auch…

… und bin jetzt in Antofagasta

Es ist übrigens ziemlich kühl, vielleicht 15 Grad wenns hoch kommt. Das Wetter ist in Berlin auf jeden Fall besser.

Grüße,
wsj